Gewaltfreie Kommunikation und Psychologie: ein Vergleich

Diesen Text schrieb ich 2013 bis 2014. Er erschien 2015 im Buch „Empathie als Schlüssel. Gewaltfreie Kommunikation in psychologischen Berufen.“ (Verlagsgruppe Beltz). Mit freundlicher Genehmigung des Verlags veröffentliche ich den Text hier unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

1. Was ist Psychologie und was ist GFK?

In diesem Kapitel möchte ich GFK mit Psychologie vergleichen, das heißt einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzeigen. Bevor ich ihre Merkmale vergleiche, versuche ich zu verstehen, welche Gegenstände eigentlich verglichen werden: Was ist Psychologie und was ist GFK?

Psychologie lässt sich abstrakt relativ klar als Lehre vom Erleben und Verhalten des Menschen definieren. Als eine Lehre grenze ich Psychologie hier von ihren Anwendungsbereichen wie etwa psychologischer Therapie oder Beratung ab. Auch werde ich mich weitgehend auf die empirisch-wissenschaftliche Lehre, als die sich die heute dominierende Psychologie versteht, beschränken.

GFK zu definieren fällt mir schwerer; es gibt ganz verschiedene Antworten auf die Frage, was GFK eigentlich ist, welche Fragen sie beantwortet oder wozu sie primär dient. Marshall Rosenberg nennt in seinem Standardwerk über GFK (Rosenberg, 2007) eine Frage, die ihn zur Entwicklung der GFK geführt hat: „Was gibt uns die Kraft, die Verbindung zu unserer einfühlsamen Natur selbst unter schwierigsten Bedingungen aufrechtzuerhalten?“ (S. 21), und weiter: „Als ich mich mit den Umständen beschäftigte, die unsere Fähigkeit beeinflussen, einfühlsam zu bleiben, war ich erstaunt über die entscheidende Rolle der Sprache und des Gebrauchs von Wörtern.“ (S. 22). Wenngleich Rosenberg betont, dass „alles was in die GFK integriert wurde […] schon seit Jahrhunderten bekannt“ (S. 22) ist, so ist die GFK als umrissenes Konzept eng mit Rosenberg verknüpft, der durch sein Werk die Bestandteile formuliert und damit GFK implizit definiert hat. So ließe sich GFK definieren als Lehre Marshall Rosenbergs darüber, wie bewusst fokussierte Aufmerksamkeit auf Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten Einfühlsamkeit fördert und wie ein darauf basierender Kommunikationsprozess menschliche Verbindung vertieft und eine Erfüllung von Bedürfnissen wahrscheinlicher macht.

Ich verstehe hier also Psychologie wie auch GFK als Lehren. Die Definitionen sollen einer möglichst präzisen Bestimmung und Abgrenzung von anderen Konzepten dienen; sie erfassen freilich nicht die vielfältigen Anwendungen von aus den Lehren abgeleiteten Methoden und deren Nutzen in verschiedensten Lebensbereichen.

GFK widmet sich nur einem Teilbereich psychologischer Fragen und stellt vergleichsweise wenige, wenn auch sehr breit anwendbare, Methoden für die Praxis zur Verfügung. Während Psychologie nicht nur praktische Einflussmöglichkeiten auf menschliches Erleben und Verhalten untersucht, sondern dieses allgemein zu erklären versucht, zielt die Lehre Rosenbergs sehr direkt auf unmittelbare praktische Anwendung für recht konkrete Ziele (Einfühlsamkeit fördern, Verbindung vertiefen, Bedürfnisse erfüllen). Zahlreiche Menschen, die sich intensiver mit GFK auseinander gesetzt haben, betonen, dass GFK nicht (nur) eine Methode lehre, sondern vielmehr zu einer (einfühlsamen) Haltung beitrage. So geht es ihnen weniger um eine spezifische Sprache und Kommunikation, sondern eher um eine neue Sicht auf Menschen und ihr Verhalten, wertschätzenden Umgang und/oder innere Befreiung.

Schaubild Verortung der GFK in Psychologien

Abbildung 1 zeigt eine mögliche Verortung der GFK wie auch empirisch-wissenschaftlicher Psychologie in weiter gefassten Psychologien und ihren Anwendungsbereichen. Schnittmengen zwischen GFK und wissenschaftlicher Psychologie entstehen dort, wo beide die gleichen Fragen stellen oder gleiche Konzepte verwenden – mit oder ohne expliziten Bezug aufeinander.

Größere Schnittmengen und/oder historische Wurzeln gibt es zwischen GFK und bestimmten psychologischen Anwendungen, etwa Klientenzentrierter Psychotherapie. Rosenberg promovierte in Klinischer Psychologie und baute bei der Entwicklung der GFK auf Erkenntnisse Carl Rogers auf. So lässt sich beispielsweise in der Literatur zu Humanistischer Psychologie vieles finden, was ich hier als Merkmale der GFK beschreibe. GFK und Psychologie lassen sich also nicht klar voneinander trennen; die Zuordnung mancher Merkmale zu nur einer der Beiden ist etwas künstlich und wird dem Verglichenen nicht gerecht. Kernelemente der GFK wie beispielsweise Empathie oder Bedürfnisorientierung finden sich auch in konventioneller Psychotherapie und ihrer empirisch-wissenschaftlichen Erforschung und Lehre.

Der Versuch, Psychologie und GFK zu kontrastieren, führt mich (zwangsläufig?) an einigen Stellen dazu, Unterschiede zwischen den beiden Gebieten zu betonen und Unterschiedlichkeit innerhalb der beiden Gebiete zu vernachlässigen. Ich hoffe, dass dadurch die Klarheit erhöht ist und ich mit dem Text nicht zu einer Klischeebildung beitrage. Bitte unterstützen Sie mich beim Lesen dabei, indem Sie sich bewusst machen, dass es weder die Psychologie noch die GFK gibt!

Meinen Vergleich von GFK mit insbesondere empirisch-wissenschaftlicher Psychologie führe ich in den folgenden Abschnitten anhand einiger ausgewählter Aspekte. Die Auswahl ist subjektiv und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sicher bei weitem nicht erschöpfend dargestellt. Einen objektiven oder auch nur annähernd umfassenden Vergleich von Psychologie und GFK kann ich nicht leisten; dazu sind beide Gebiete zu heterogen und meine Erfahrung in beiden Feldern zu subjektiv. Mein Ziel beim Schreiben dieses Kapitels ist, Ihnen, den Leserinnen und Lesern, verschiedene Sichtweisen – nämlich solche, die ich eher in der Psychologie oder eher in der GFK gefunden habe – darzustellen und damit anzubieten. Ich hoffe, dass meine Überlegungen Sie inspirieren und bei einer bewussten Wahl eigener Sichtweisen unterstützen.

2. Wissenschaftliches versus empathisches Verstehen

Das Verstehen des Erlebens und Verhaltens von Menschen ist zentraler Zweck sowohl von GFK als auch von Psychologie als Wissenschaft. Die Bedeutung von „Verstehen“ und der Weg dorthin unterscheiden sich jedoch deutlich voneinander.

Empirisch-wissenschaftliche Psychologie versucht, in Untersuchungen von Gruppen von Menschen (Stichproben) objektive Erkenntnisse zu gewinnen, formuliert daraus Konzepte und Theorien, die menschliches Verhalten möglichst gut vorhersagen können, die dann in der Praxis auf einzelne Menschen (Patienten, Klienten) angewendet werden. Ein Beispiel: Franziska weist in einem Test zur sozialen Angst einen hohen Wert im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung auf. Der Therapeut kennt wissenschaftliche Erkenntnisse aus Gruppenexperimenten, nach denen eine bestimmte Art der Konfrontation bei vielen Menschen zu einer Linderung der Angst führt und leitet daraus einen Behandlungsplan für Franziska ab (Stichwort „evidenzbasierte Behandlung“).

Die Konzepte und Prämissen der GFK zielen nicht auf Vorhersage von Verhalten und beanspruchen nicht, objektiv zu sein. GFK als „Lehre vom menschlichen Erleben und Verhalten“ (im Sinne einer „Alltagspsychologie“) bietet dafür nur eine sehr universelle und abstrakte (statt einer differenzierten) Theorie, in der stabile innere („Persönlichkeit“) oder äußere („Kontext“) Einflussfaktoren oft wenig berücksichtigt werden. Diese „GFK-Theorie“ ließe sich ungefähr so zusammenfassen: Jeder Mensch tut in jedem Moment das Beste, das er gelernt hat, um aktuell gefühlte universelle Bedürfnisse zu erfüllen. Die GFK weist mit dieser Annahme zwar abstrakt aber doch sehr hilfreich darauf hin, dass es für jedes Verhalten innere Beweggründe gibt, die sich durch universelle menschliche Grundbedürfnisse beschreiben lassen.

Die GFK bietet (wohl absichtlich, siehe unten) keine Theorien dafür, wodurch bestimmte Bedürfnisse regelmäßig „lebendig“ (aktuell gefühlt) werden. Und damit sind wir beim vielleicht entscheidensten Unterschied: Die Anwendung der GFK zielt nicht auf Verstehen im Sinne einer Vorhersage von Erleben oder Verhalten, sondern auf empathisches Verstehen. GFK-Anwender versuchen nicht, andere objektiv zu erklären, sondern sich in die Subjektivität des Gegenübers hineinzuversetzen: Wie fühlt sich der Andere vielleicht? Was braucht er eventuell gerade? (Ich schreibe „vielleicht“ und „eventuell“, weil die Entscheidung über seine Gefühle und Bedürfnisse beim Gegenüber bleibt; der empathische Zuhörer macht nur Angebote, um das Gegenüber zu unterstützen, mehr Klarheit über sich selbst zu gewinnen, und es so tiefer zu verstehen.) Statt auf einen anderen Menschen kann sich das Einfühlen auch auf das eigene Innere beziehen („Selbstempathie“).

Zurück zum Beispiel: Franziska sagt ihrer Freundin, dass sie nicht zur Party kommen wolle. Die Freundin (mit GFK-Perspektive) fragt Franziska, warum, und bietet ihr Gefühle und Bedürfnisse an. Im Dialog wird Franziska schließlich klar, dass sie beim Gedanken an die anderen Gäste Angst hat weil sie Sicherheit und Akzeptanz braucht. Anschließend überlegen Franziska und ihre Freundin, was ihr die Bedürfnisse Sicherheit und Akzeptanz erfüllt.

Als weiteres Beispiel für das unterschiedliche Verstehen diene hier die Frage „Wie entsteht Gewalt?“. Psychologie weist darauf hin, dass gewalttätiges Verhalten „gelernt“ wurde – etwa durch soziale Modelle und Belohnungssysteme, deren Merkmale genauer beschrieben werden. Die Anwendung der GFK hingegen bedeutet den Versuch, die bei der Handlung aktuellen (!) Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und bekannten Handlungsmöglichkeiten eines Gewaltanwenders zu verstehen: Ärgert Fritz sich, weil er Respekt braucht? Welche Bilder über Franz führen zu Fritz’ Gedanken, er müsse anders sein, und damit zu Fritz’ Ärger? Welche Strategien, um Respekt zu erleben, kennt Fritz und wie abhängig ist er dabei von Franz und/oder bestimmten Situationen?

GFK und Psychologie widersprechen sich hier nicht im Sinne konkurrierender Erklärungen. Sie fokussieren unterschiedliche Bereiche und bieten damit verschiedene Perspektiven an. In vielen Fällen werden psychologische versus GFK-Perspektive auch zu unterschiedlichen Konsequenzen führen: Eine psychologische Beratung würde im Beispiel möglicherweise eher darauf zielen, Fritz im geschützten Raum neue Lernerfahrungen zu bieten, oder ihn durch Konfrontation seine Einstellungen hinterfragen zu lassen; ein empathischer GFK-Dialog würde darauf zielen, Fritz zu mehr Klarheit über seine Gefühle, Bedürfnisse und Gedanken zu verhelfen, und mit ihm neue Strategien zu finden, die seine Bedürfnisse erfüllen. Vereinfacht zusammengefasst fokussiert Psychologie eher längerfristige Lernprozesse und GFK eher Klärung und individuelle Möglichkeiten im Moment.

Der Unterschied zwischen prädiktivem und empathischem Verstehen hat ferner bedeutsame Konsequenzen für das Annehmen des Gegenübers (oder des Selbst; der Einfachheit halber beschränke ich mich im Folgenden auf ein Gegenüber). In psychologischer Literatur findet sich bei der Erklärung der Entstehung instrumenteller Gewalt, der Gewalttätige habe die „Absicht, zu schädigen“. Aus einer GFK-Perspektive kann eine Gewalthandlung zwar „absichtlich“ im Sinne einer bewussten Entscheidung für das schädigende Verhalten geschehen; die „Absicht“ im Sinne einer Motivation wird aber auf universelle Bedürfnisse zurückgeführt: Welche dieser Bedürfnisse versuchte sich Fritz zu erfüllen, als er auf Franz einschlug? (Möglicherweise Respekt, Gesehenwerden oder Verständnis.) Empathisches Verstehen ist also ein tiefes Verstehen auf Augenhöhe, da dem Gegenüber die gleichen Grundmotivationen zugestanden werden wie allen anderen Menschen. Die Erklärung anhand einer „Absicht, zu schädigen“ hingegen führt tendenziell zu einer Sicht auf das Gegenüber (im Extremfall: „Fritz ist antisozial.“), die dessen Menschlichkeit reduziert und in der Folge Dominanz (im Extremfall: Zwang) wahrscheinlicher macht. Die GFK wurde aus dieser Erkenntnis und mit dem Ziel entwickelt, Menschen die Menschlichkeit anderer einfacher zugänglich zu machen.

3. Normativ versus subjektiv

Die empirisch-wissenschaftliche Untersuchung menschlichen Erlebens und Verhaltens nutzt Verfahren, um den Erkenntnisprozess möglichst weitgehend zu objektivieren. Unter anderem Operationalisierung von Merkmalen, Beschreibung von Messinstrumenten und Situationen, Repräsentativität von Stichproben, quantitative statt deutende Analysen sowie Trennung von Ergebnisbeschreibung und Interpretation dienen dem (wissenschaftlich ähnlich geschulten) Leser von Fachartikeln, den Weg von Fragestellung über Ergebnis zu Schlussfolgerung nachzuvollziehen, die Studie zu wiederholen, um die Ergebnisse zu überprüfen oder festgestellte Einschränkungen aufzuheben. Freilich wird das wissenschaftliche Verfahren und die Frage der Objektivität kontrovers diskutiert. Hier soll lediglich als für die empirisch-wissenschaftliche Psychologie prägend festgestellt werden, dass sie Objektivität als wissenschaftliches Kriterium anstrebt und ihr weit näher kommt als etwa Interpretationen von Einzelbeobachtungen.

Die im wissenschaftlichen Diskurs entwickelten Begriffe und Konstrukte werden also durch verschiedene Verfahren objektiviert. Die Einigung darüber, welche Begriffe und Konstrukte (zur Erklärung von Verhalten) sinnvoll sind, findet allerdings im Kreise von Anhängern einer Fachrichtung oder einer bestimmten Schule statt und dient oft praktischen Zwecken. Die Begriffe und Konstrukte bleiben normativ.

Ein paar Beispiele sollen dies veranschaulichen. Die Idee, dass es so etwas wie „fehlende soziale Kompetenz“ gibt, beinhaltet Normen darüber, wie Menschen gesund/entwickelt/richtig auftreten, wie sie mit Konflikten umgehen oder sprechen sollten. Die Idee, dass es so etwas wie eine „narzisstische Persönlichkeit“ gibt, beinhaltet Normen darüber, wie Menschen zwischen sich und anderen balancieren sollten. Die Idee, dass es so etwas wie „Hyperaktivität“ gibt, beinhaltet Normen darüber, wie Menschen sich konzentrieren oder still sitzen können sollten. Sicherlich gibt es Psychologen, die solche Begriffe nutzen, ohne diese Normen zu teilen, oder sie intensiv reflektieren. Und sicherlich können die genannten Begriffe sehr hilfreich sein, wenn sie eine Förderung und den Betroffenen ein reicheres Leben ermöglichen. Hier ist der Unterschied zur GFK entscheidend.

Aus einer GFK-Perspektive sind die genannten psychologischen Diagnosen keine reinen Beobachtungen; sie enthalten eine Wertung. Rosenberg weist darauf hin, dass solche Wertungen die Sicht auf die Menschlichkeit und die „guten Gründe“ für das Verhalten erschweren können. Wieder legen die beiden hier kontrastierten Sichtweisen unterschiedliche Konsequenzen nahe. Viele Psychologen sehen eine „Störungseinsicht“ des Klienten oder Patienten als ersten Schritt zu einer „Veränderungsmotivation“ und würden also darauf hinwirken, dass der Klient seine Diagnose annimmt. Im GFK-Dialog würden im Gegenteil etwaige Diagnosen des Gegenübers hinterfragt: „Was hast Du denn konkret getan?“ (Beobachtung). An einem konkreten Verhalten in einer spezifischen Situation (selbst wenn das Verhalten Beispiel eines Verhaltensmusters ist) würde dann ein empathisches Verständnis dafür entwickelt, wie das Gegenüber sich gefühlt hat und welche Bedürfnisse es erfüllen wollte. Mit dieser Klarheit über die „eigentliche“ Motivation werden dann Verhaltensweisen gesucht, die für den spezifischen Fall hilfreicher sind.

Die Beschreibung von Realität durch psychologische Diagnosen versus Beobachtungen, Gefühle und Bedürfnisse hat aber nicht nur Konsequenzen für die Qualität des Kontakts im Gespräch. Der normative Aspekt der Sichtweisen kann auch zu ganz unterschiedlichen Ideen darüber, wer oder was sich zur Lösung des Problems ändern sollte, führen. Beispielsweise führt das Konstrukt „hyperaktiver Schüler“ eher zur Behandlung des betroffenen Fritz’ mit dem Ziel, dass er in der bestehenden Schulklasse teilnehmen kann. Das Konstrukt „Bedürfnis nach Bewegung und Abwechslung“ legt eher die Frage nahe, wie sich Fritz dieses Bedürfnis erfüllen kann, woran die Frage anschließen kann, wie sich Schule verändern lässt, um diesem Bedürfnis mehr Raum zu geben.

Verallgemeinert formuliert zielen sowohl Psychologie als auch GFK auf eine Förderung des Funktionsniveaus und der Lebensqualität eines Individuums. (In GFK-Begriffe übersetzt bedeutet „Funktionsniveau“ eines Menschens, dass er über möglichst viele und möglichst hilfreiche Strategien zur Erfüllung seiner Bedürfnisse verfügt, und damit sein Leben flexibel gestaltet. Lebensqualität könnte bedeuten, dass der Mensch seine Bedürfnisse würdigt, häufig erfüllt und auch die Erfüllung würdigt.) Eine psychologische Perspektive nimmt eher zuerst das Umfeld des Menschen als gegeben an und versucht, den Menschen zu befähigen, mit diesem Umfeld (bewusst) so umzugehen, dass es ihm dient. Eine GFK-Perspektive nimmt eher zuerst die Gefühle und Bedürfnisse des Menschen als gegeben an und sucht dann Möglichkeiten, wie er diese (bewusst) erfüllen kann.

4. Persönlichkeit versus lebendiges Bedürfnis

Oben ist es schon angeklungen: Menschliches Verhalten wird in der Psychologie oft als gelernt angesehen; das im bisherigen Leben gelernte formt die Persönlichkeit, das heißt die individuellen Ausprägungen von Persönlichkeitsmerkmalen. Damit sind über die Zeit relativ stabile und konkretes Erleben und Verhalten prägende Merkmale gemeint (Disposition). Friederike ist „extrovertiert“ und tanzt deswegen auf dem Tisch; Franz ist „unsicher gebunden“ und hat deswegen nur kurze Beziehungen zu Frauen; Fernandia ist „narzisstisch“ und trifft deswegen als Chefin mehr Entscheidungen selbst als andere. Das Konzept „Persönlichkeit“ weist also darauf hin, dass Erleben und Verhalten durch individuelle vergangene Lernerfahrungen beeinflusst ist, und dass Veränderungen daher meist mehrerer neuer Erfahrungen bedürfen, weil umgelernt werden muss.

Rosenberg lehrt, dass (auch psychologische) Diagnosen darüber, wie ein anderer „ist“, dazu beitragen können, dass der Diagnostizierende ein bestimmtes (relativ statisches) Bild vom Diagnostizierten hat – also schon eine Erklärung mitbringt –, was ein tiefes empathisches Verständnis des Anderen in seinem subjektiven Erleben und damit die menschliche Verbindung im Dialog erschwert.

Statt statischer Konzepte erklärt Rosenberg Verhalten durch Bedürfnisse, die sich in ihrer Aktualität dynamisch verändern, und die alle Menschen teilen. Er lehrt, im empathischen Kontakt das Gegenüber „wie ein neugeborenes Kind“ (S. 113; Rosenberg zitiert hier Martin Buber) zu sehen, also frei von „vorgefassten Meinungen und Urteile[n]“ (S. 113). Seine Vorgehensweise widerspricht damit deutlich dem Imperativ konventioneller Psychotherapie, dass eine Behandlung eine sichere Individualdiagnostik voraussetze.

Was formt denn – neben dem Kontext – nun wirklich menschliches Verhalten: stabile Persönlichkeit oder aktuelle Bedürfnisse? Auf einer Theorieebene müssen wir uns gar nicht zwischen diesen beiden „Motoren“ entscheiden: In einem bestimmten Moment werden durch einen bestimmten Reiz (unbekannte Geräusche im Dunkeln) Gefühle (Angst) und Bedürfnisse (Sicherheit) ausgelöst, die wiederum eine Reaktion (Licht anschalten und Umschauen) bestimmen; die Assoziationen zwischen Reizen, Gefühlen/Bedürfnissen und Reaktionen sind dabei freilich individuell gelernt und lassen sich auch durch Persönlichkeitsmerkmale beschreiben. Der Widerspruch zwischen diagnoseorientierter psychologischer Behandlung und GFK-Einfühlung findet in der Praxis statt: Mit GFK erhält das subjektive, momentane Erleben durch nicht-statische, sehr unmittelbare Gefühls- und Bedürfnis-Begriffe Raum, wodurch eine tiefe Empathie und Annahme unterstützt wird; Psychologie gibt eher der individuellen Lerngeschichte und Reaktionsmustern Raum.

5. Störung versus Konflikt

Viele – insbesondere klinische – Psychologen beschäftigen sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen, wenn deren Leben negativ beeinträchtigt ist. Auch die GFK wird besonders häufig genutzt, wenn Probleme bestehen. Dabei unterscheiden sich die beiden „Lehren“ darin voneinander, worauf sie äußerliche Probleme zurückführen: Während Psychologie häufiger psychische Störungen (oder wenn abgeschwächt: individuelle Fehlanpassung) verantwortlich macht, legt die GFK eher eine Beschreibung von Problemen als zwischenmenschliche Konflikte nah.

Ein Beispiel: Ferdinand leidet in seinem Beruf als Lehrer unter Stress und hat Angst, den Klassenraum zu betreten. Was tun? Die Feststellung, dass Ferdinand unter starken psychischen Symptomen leidet, kann die Idee nahelegen, dass eine psychologische Behandlung hilfreich wäre. Oder ist Ferdinand eigentlich psychisch „gesund“, befindet sich aber in Konflikten? Eine solche Sichtweise würde nahelegen, dass der Konflikt mit zwei Schülern, die ihm „das Leben schwer machen“ durch (gegebenenfalls vermittelten) Dialog gelöst werden sollte, ebenso der Konflikt mit dem Direktor darüber wie sehr er den Lehrplan als Lehrer selbst gestalten kann, wie auch der innere Konflikt zwischen seinen Ansprüchen und bisherigen Leistungen bei der Begeisterung der Schüler/innen für die Physik. Würde Ferdinand hilfreicher durch einen Therapeuten oder durch einen Konfliktmediator unterstützt?

Möglicherweise sind die Sichtweisen des Therapeuten und des Mediators gar nicht ganz unterschiedlich; immerhin ist auch in klinischer Psychologie der Begriff „Konflikt“ sehr verbreitet – wenngleich damit meist innere Spannungen gemeint sind. Insbesondere ein Therapeut mit „systemischem Ansatz“ wäre sich bewusst, dass Ferdinand zwar die Symptome trägt, aber die Ursache deswegen nicht allein in ihm zu suchen ist. Seine Behandlung würde sich dennoch eher auf Ferdinand und seinen Umgang mit dem sozialen Umfeld konzentrieren, während ein Mediator mit GFK-Ansatz die Beteiligten bei einem bestimmten Dialogprozess begleiten würde. Ein GFK-Trainer, der Ferdinand im Rollenspiel auf ein Gespräch mit dem Direktor vorbereitet, unterscheidet sich in diesem Moment methodisch vielleicht kaum von manchem Therapeuten.

Neben der Frage, auf welchem der beiden skizzierten Wege solche Probleme effektiv und effizient gelöst werden können, stellt sich hier auch eine gesellschaftliche: Wem schreiben wir die Verantwortung für die Schwierigkeiten zu? Ist es das „Erkranken“ des Einzelnen, der nicht über genügend Skills und Coping-Strategien verfügt? Oder sind es zwischenmenschliche – vielleicht „Kommunikations-“ – Schranken, fehlende Räume für Kooperation und Konfliktbearbeitung? Werden gesellschaftliche Missstände (z. B. ungleiche Ressourcenverteilung) durch individualisierende Zuweisung von Verantwortung (z. B. individuelle „Fehlanpassung“) geradezu gedeckt und aufrecht erhalten?

Ist ein Jugendlicher, der Drogen konsumiert und sie durch Diebstähle finanziert, tatsächlich „entwicklungsgestört“ und „unangepasst“ oder zeigt er eine völlig natürliche und normale Anpassung an die Subkultur und gesellschaftliche Stellung, die er vorfindet? Ist er nur individuell verantwortlich für die von ihm begangenen Straftaten oder sind wir auch kollektiv mitverantwortlich, weil wir diese Subkultur und gesellschaftliche Statusunterschiede verursacht und gebilligt haben? Ist hier ein Individuum gestört oder haben wir einen Kulturkonflikt? Eine Antwort auf diese Fragen könnte sein: „Das kommt auf den Standpunkt und die Blickrichtung an.“ (Im Englischen gibt es den schönen Satz „Every viewpoint is a view from a point.“)

Hat der letzte Abschnitt noch mit GFK zu tun? Tatsächlich ist Rosenbergs Werk höchstens am Rande eine Gesellschaftsanalyse und eher nebenbei macht er auf Notwendigkeiten gesellschaftlicher Veränderungen aufmerksam. Tatsächlich lehrt er mit der GFK individuelle Fertigkeiten (insbesondere der Wahrnehmung und Kommunikation). Rosenberg hat selbst individuell mit Straftätern gearbeitet. Ich sehe dennoch eine der GFK immanente Tür zu gesellschaftlichen Konflikten: Letztere werden nämlich sichtbar, wenn ich mich mit Achtung in die Perspektive und Lebenswelt beispielsweise eines Straftäters einfühle oder tatsächlich mit Achtung einem Straftäter zuhöre. Dann sehe ich, wie anders dessen Welt aussieht und wie offensichtlich naheliegend der Konsum von Drogen, die Beteiligung in einer Gang, das Verprügeln anderer für die Erfüllung von Bedürfnissen, die auch ich habe, sind. Dann sehe ich die „guten Gründe“, die der Straftäter bei der Straftat hatte. Manche Psychologen hingegen würden ein solches Einfühlen wegen fehlender „professioneller Distanz“ kritisieren; die verzweifelten Versuche des strafrechtlich Verurteilten, Verständnis für sein Handeln zu bekommen, würden sie als „Rationalisierung“ pathologisieren.

Eine relativ häufige Kritik ist, dass ein tiefes Verständnis für ein Gegenüber auch ein Einverständnis mit seinem – z. B. gewaltvollen – Handeln bedeute – oder zumindest als solches aufgefasst werden könne –, wodurch das Gegenüber das Verhalten eher wiederhole und also das Problem eher verstärkt werde. Was unterstützt mich, wenn ich diese Sorge habe? Zum einen kann ich mein Gegenüber fragen: „Wie geht es Dir, wenn Du an die Schlägerei und die Konsequenzen für alle Betroffenen denkst?“ In den meisten Fällen wird mein Gegenüber, wenn es ausreichend Verständnis für die dabei erfüllten Bedürfnisse erhalten hat und nicht mehr für deren Anerkennung kämpfen braucht, selbst sehen, dass auch einige Bedürfnisse nicht erfüllt wurden und nach Alternativen suchen. Zum anderen bedeutet ein Öffnen für die Bedürfnisse anderer nicht, dass meine eigenen weniger gelten. Ich kann also meinem Gegenüber mitteilen: „Ich habe von Dir verstanden, dass es das Beste war, was Du in der Situation tun konntest. Gleichzeitig habe ich große Sorge, weil mir wichtig ist, dass niemand Angst vor Gewalt zu haben braucht. Ich möchte gerne dazu beitragen, dass es nicht wieder geschieht.“ Mit der anschließenden Frage „Was hast Du jetzt von mir verstanden?“ kann ich überprüfen, ob mein Gegenüber auch Verständnis für mich hat, und sieht, dass ich mit seinem Verhalten nicht einverstanden bin.

6. Experten versus Mitmenschen

Rosenberg hat als klinischer Psychologe promoviert. Die GFK hat er allerdings nicht (primär) als therapeutisches Werkzeug für Experten entwickelt; vielmehr richtet er sich mit seinen Büchern und Trainings an alle Menschen.

In seinem Standardwerk dankt Rosenberg den amerikanischen Psychologen George Miller und George Albee „für ihre Bemühungen, Psychologen bewusst zu machen, daß es besserer Wege bedarf, um ’Psychologie unter die Leute zu bringen’“ (eigene Übersetzung der englischen Ausgabe) und schreibt weiter: „Durch sie habe ich erkannt, daß das Ausmaß des Leidens auf unserem Planeten wirksamere Verteilungswege der dringend benötigten Fähigkeiten erfordert, als ein klinischer Ansatz sie bereitstellen kann.“ (Danksagung ohne Seitenzahl in der deutschen Übersetzung).

Auch damit zeigt Rosenberg einen ganz anderen Ansatz als viele Psychologen, die ihren Aufgabenbereich zwecks Qualitätssicherung nur ausgebildeten Psychologen bzw. Psychotherapeuten vorbehalten möchten.

Rosenberg vertraut offenbar darauf, dass sich die meisten (zwischen-)menschlichen Schwierigkeiten durch Einfühlung lösen lassen und diese von Menschen ohne psychologische Ausbildung gelernt und gegeben werden kann. Zudem schreibt Rosenberg in seiner Danksagung von „sozialen und politischen Gefahren, Psychologie so anzuwenden, wie ich es gelernt hatte: ein Verständnis von Menschen als krankhaft“ (eigene Übersetzung der englischen Ausgabe). Er bezieht sich an anderer Stelle auch auf den Psychiater Thomas Szasz, der Diagnosen psychischer Krankheiten unter anderem als Machtmittel mit Konformitätsdruck kritisierte.

7. Fazit und Ausblick

In diesem Kapitel habe ich einige Aspekte von GFK und Psychologie miteinander verglichen. Dabei bin ich mehrfach zu dem Eindruck gelangt, dass Unterschiede weniger aus widersprechenden Annahmen bestehen als aus verschiedenen Blickrichtungen und unterschiedlichen Aspekten, die mit diesen Blickrichtungen fokussiert werden.

Wozu die bewusste Unterscheidung? Eine Antwort wäre die eines eklektisch arbeitenden Praktikers: Er kann nun bewusster je nach Bedarf aus den Werkzeugen der Psychologie und denen der GFK auswählen und beispielsweise als Therapeut durch die GFK sein Reflexions- und Methodenrepertoire erweitern. Er kann seinem Klienten empathischer zuhören und häufiger Gefühls- und Bedürfniswörter anbieten, weil dieser damit leichter von seinem Erleben sprechen kann. Er kann genauer auf die Sprache seiner Klienten achten und die vier Schritte der GFK nutzen, um seine Klienten zu selbstwertdienlichen Gedanken zu führen. Er kann seine Diagnosen durch das Konzept der bewertungsfreien Beobachtung neu reflektieren. Und er kann seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse klarer identifizieren und die Verantwortung dafür weniger dem Klienten zuschreiben. Andersherum könnte ein GFK-Trainer einiges von Psychologen lernen, etwa die Vorteile evidenzbasierter Programme, die stärkere Beachtung vergangener Lernerfahrungen der Klienten und psychologische Modelle, die die Interaktionen von Persönlichkeits-, sozialen und situativen Merkmalen bewusster machen. Psychologische Konzepte könnten ihn unterstützen, dysfunktionale Nutzung von GFK-Methoden und deren Grenzen zu reflektieren.

Wenn sich GFK und Psychologie gegenseitig bereichern: nur zu! Als einziges Fazit wäre mir das allerdings zu wenig. Ich sehe mehr Potential in einer Bewusstmachung von Unterschieden und denke, dass es lohnt, sie nicht nur praktisch als „Methoden-Mix“ zu nutzen, sondern als Spannung wach zu halten. Denn da gibt es tatsächlich in jedem Moment etwas zu entscheiden: Meine ich als Professioneller mein Gegenüber eher durch meine Diagnosen zu verstehen oder lasse ich mich intensiv auf dessen Gefühle und Bedürfnisse ein und nehme sie radikal (und nicht nur als Methode) ernst? Konzentriere ich mich auf die Kompetenzen meines Klienten oder beziehe ich Konfliktpartner in die Verantwortung ein? Trage ich implizit zu einer Versorgung durch und Abhängigkeit von Experten bei oder widme ich meine Energie der Selbstermächtigung von Einzelnen oder Gruppen? Übernehme ich selbst die volle Verantwortung für meine Gefühle und trage meine Konflikte mit dem Klienten auf Augenhöhe aus oder attribuiere ich Probleme auf seine „Störung“? Und wieviel Prozent meiner Zeit arbeite ich in Einklang mit meinen Bedürfnissen?

Es ist unsere Verantwortung, zu entscheiden, ob es um verschiedene Wörter, Konzepte und Methoden geht, oder um eine ganz andere Welt. Hilfst Du noch oder unterstützt Du schon?

Literatur

Rosenberg, M. B. (2007). Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann. (Seitenzahlen in diesem Kapitel beziehen sich auf die 7. Auflage der deutschen Übersetzung, 2007)